Montag, 14. Oktober 2019

Die Montagsfrage: Welches Buch, das man – nach allgemeiner Meinung – gelesen haben sollte, hast du noch nicht gelesen? Warum nicht?


Ich wollte heute mal wieder an der Montagsfrage von Lauter & Leise teilnehmen. Das der "Phantasius" ziemlich neu aufgesetzt wurde, geschah das natürlich noch nicht oft.

Die hier gestellte Frage ist deshalb so interessant, weil sie gleichzeitig sehr problematisch ist. Man könnte natürlich jetzt einfach anfangen, das ein oder andere Buch zu nennen, das man gemeinhin als Klassiker bezeichnet. Davon habe ich wahrlich eine ganze Menge gelesen, nicht weil man sie lesen sollte, sondern weil ich mich bereits in einem zarten Alter für Literatur interessierte und die Schwester meiner Großmutter eine Bibliothek der Nobelpreisträger in ihrer guten Stube stehen hatte, in weißem Leinen, mit Gold gefasst. Sehr eindrucksvoll für die Besucher, die jeden Sonntag zum Kränzchen kamen. Ich glaube, meine Tante war davon überzeugt, dass man die Autoren, die in Schweden jedes Jahr ausgezeichnet wurden, gelesen haben sollte. Damals hörte ich ihr zu. Heute würde ich ihr widersprechen, denn viele dieser Preisträger bekamen ihre Urkunde aus politischen und nicht aus ästhetisch-literarischen Gründen.

Die Kanonbildung habe ich immer als problematisch gesehen, obwohl ich selbst dazu neige, hin und wieder derartige Listen zu erstellen. Man darf nicht vergessen, dass hinter "Büchern, die man gelesen haben sollte" ein erzieherisches Kalkül steckt. Es könnten immer auch andere Bücher genannt werden (und von Land zu Land unterscheidet sich das auch).

Wenn es nun darum geht, nicht nach einer gewissen intellektuellen Gruppe zu tanzen - also die Allgemeinheit fragt - kommen da doch versöhnlichere Bücher zum tragen (Der Herr der Ringe zum Beispiel). Die Frage ist dennoch schwer zu beantworten, weil ich nicht weiß, welche Liste ich dazu konsultieren sollte, um sagen zu können: Da - dieses Buch - da kam ich einfach noch nicht dazu. Und wenn ich jetzt Salinger - Der Fänger im Roggen nenne, dann wird vielleicht erkenntlich, dass dieses Buch auf vielen Listen gar nicht auftaucht. (Ich habe mir mal spaßeshalber welche angesehen, und: nein, "Auf der Suche nach der verlorenen Zeit" muss man nicht gelesen haben, ebensowenig den "Ulysses", den ich stellenweise sogar genossen habe).

Lesen sollte nicht in Stress ausarten, das steht fest. Und wenn dir jemand sagt: Das solltest du gelesen haben, schau es dir an - und wenn dich das Buch zu sich ruft, dann öffne es, ansonsten lass es ruhig links liegen. Es wird sich ein anderer finden, der sich ihm annimmt.

Kommentare:

  1. Huhu,

    ich bin da ganz deiner Meinung. "Weltliteratur" wird schwammig definiert und die Gremien, die Preisträger_innen auswählen oder Listen zusammenstellen, haben keinen alleinigen Anspruch auf das Prädikat "literarisch wertvoll". Ich finde, es sind nur der eigene Geschmack und die eigenen Interessen, die zählen sollten. Wenn diese lediglich seichte YA-Literatur diktieren - wer will den ersten Stein werfen?

    Montagsfrage auf dem wortmagieblog
    Liebe Grüße,
    Elli

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  2. Danke für deinen Kommentar! Ich habe mich auch gleich mal bei dir umgesehen und fand deinen Artikel zur hier gestellten Frage sehr spannend.

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  3. Moin!

    Selbst von Mensch zu Mensch – auch innerhalb der Familie – kann die Liste mit "Büchern, die man gelesen haben sollte" sehr unterschiedlich ausfallen. Mein Gatte hat z. Bsp. mit Begeisterung Heinrich Böll und Thomas Mann gelesen. Ich halte es da eher mit Agatha Christie und George Simenon. 😄
    Ansonsten finde ich Deine Metapher „wenn dich das Buch zu sich ruft“ sehr schön: Ich empfinde es ebenso.

    Gruß
    Andreas

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    1. Du sagst es! Und sogar im eigenen Leben ändert sich diese Liste über die Zeit ...

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